O-Antiphonen

Als “Antiphonen” werden Verse bezeichnet, die in der Tagzeitenliturgie die dort üblichen Psalmen und Cantica umrahmen. Gewöhnlich handelt es sich dabei um einen, dem Psalm oder dem Canticum entnommenen zentralen Vers, der den Text zusammenfasst. Die Antiphon kann aber auch besondere Anlässe thematisieren und stellt so ein “Gegenstück” (“Anti-“) zum jeweiligen Psalm oder Canticum dar. Dies gilt auch für die sogenannten “O-Antiphonen”. Sie umrahmen an den letzten sieben Tagen der Adventszeit (17.-23. Dezember) das neutestamentliche Canticum des Abendgebets, das nach den lateinischen Anfangsworten “Magnificat” genannt wird (“Magnificat anima mea Dominum” – “Hochpreise meine Seele den Herrn”).

“O-Antiphonen” heißen sie, weil sie alle mit einem “O” beginnen, dem Ausruf des Staunens und Bewunderns, aber auch der Ehrerbietung. Im Mittelpunkt steht der, dessen Ankunft (adventus) die Kirche erwartet: Jesus Christus. Dabei sind zwei Perspektiven dieser Ankunft bedeutsam. Die Evangelien überliefern einen Hinweis, der besagt, man werde “den Menschensohn in Wolken kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit” (Markus 13,26). Die erste Perspektive betrifft diese Verheißung; die Kirche erwartet das Wiederkommen Jesu Christi am Ende der Tage. In den Anfängen der Kirchengeschichte war das Warten darauf sehr zentral; das ganze Gemeindeleben und die ganze Alltagsgestaltung waren darauf ausgerichtet. Man stellte sich vor, dass das Ende der Tage nahe war, und lebte dementsprechend. In der Folgezeit aber musste diese Vorstellung korrigiert werden. „Seid also wachsam“, hieß nun die Parole, „denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“ (Matthäus 25,13). Die Kirche lebt also in ständiger Erwartung und ist deshalb bemüht, immer bereit zu sein (Markus 13,33-37).

Die zweite Perspektive bezieht sich auf das Weihnachtsfest, die Feier der Geburt unseres Herrn Jesus Christus. Viele Texte der jüdischen Bibel (unserem Alten Testament) sprechen davon, dass Gott seinem auserwählten Volk einen König geben wird, der es in eine befreite und gerechte Zukunft führen wird. Als Christen glauben wir daran, dass sich diese Verheißung in der Geburt Jesu Christi erfüllt hat. In der Adventszeit meditiert sich die Kirche in die alte Erwartung dieses Königs hinein, ja, sie vergegenwärtigt sie und lässt die Bilder, in der sie zum Ausdruck gebracht wird, lebendig werden. Auf diese Weise wächst in den Meditierenden und Feiernden jene Sehnsucht, die sich schon in den alten Verheißungen der jüdischen Bibel spiegelt.

Besonders stark tut sie das an den letzten sieben Tagen der Adventszeit (17.-23. Dezember) – unter anderem durch die O-Antiphonen im Abendgebet. „O Weisheit“, heißt es da, „O Adonai“, „O Spross aus Isais Wurzel“, „O Schlüssel Davids“, „O Morgenstern“, „O König aller Völker“, „O Immanuel“. Angesprochen wird der Erwartete, Jesus Christus. Und durch die Art der Ansprache, indem jeweils ein Bild der alten Verheißungen aufgenommen wird, wird Jesus mit jenem von Gott angekündigten König identifiziert.

Veröffentlicht in Allgemein am 29. November 2017| Kommentare deaktiviert | Autor: Joachim Pfützner