Ein Wort zum Abschied

JP_Kontakt_2014Der Zeitpunkt, liebe Schwestern und Brüder in Christus, ist gekommen, Abschied zu nehmen von Ihnen und Euch. Für meinen Teil tue ich das mit großer Wehmut – und meiner Frau Anne wird es sicher nicht sehr viel anders ergehen –, auch wenn in Bad Schussenried, im Landkreis Biberach an der Riss, eine hübsche Wohnung auf uns wartet, und mit ihr viele liebe Menschen, Freundinnen und Freunde aus alter Zeit sowie zumindest die Familie meiner Frau.

Die Wehmut – und da kann ich nur für mich sprechen – hat viele Fassetten: Es ist die Wehmut, nach insgesamt 41 Berufsjahren, 24 davon im deutschen alt-katholischen Bistum, loszulassen von Tätigkeiten, die ich sehr geliebt habe, etwa die Gestaltung und das Feiern von Gottesdiensten, das Mitgestalten und Mitentwickeln des Gemeindelebens, das Vorbereiten und Feiern der großen christlichen Feste einschließlich der auf sie hinführenden Bußzeiten, die Erwachsenenbildung, die Erstkommunion- und Firmvorbereitungen und nicht zuletzt auch so seltene Projekte wie die Gestaltung des Taufkatechumenats von erwachsenen Taufbewerberinnen und Taufbewerbern – wir hatten ja gerade an Pfingsten zwei Erwachsenentaufen.

Eine andere Wehmut ist das Loslassen von Menschen, mit denen ich jahrelang, mit einigen sogar die ganzen 19 Jahre, die ich hier in Stuttgart war, eng zusammengearbeitet habe: Ich denke da z.B. an die Frauen und Männer des Kirchenvorstandes. Und ich denke an die vielen Frauen und Männer, die im Verborgenen mitarbeiten: Lassen Sie mich stellvertretend die Bäckerinnen und Bäcker des Eucharistiebrotes nennen, eine Praxis, die schon jahrelang bestand, als ich vor 19 Jahren hier anfing, und ich hoffe, sie wird auch die nächsten Jahrzehnte weiterbestehen. Und diejenigen, die Sorge tragen, dass die Küche immer aufgeräumt ist, der Gemeinderaum sauber, die Kirche „bewacht“ und mit Blumen geschmückt! Das alles lasse ich jetzt los – ich lasse es los als etwas, das wir so selbstverständlich an- und hinnehmen, das aber keineswegs selbstverständlich ist: Lebendige Gemeindearbeit ist ein ständiges Geben und Nehmen, und sie funktioniert nur, weil es da immer Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche gibt, die zu geben bereit sind und die hoffentlich (!) auch vieles nehmen und empfangen dürfen.

Ich lasse auch Priester Michael Weiße los, unseren Ehrenamtler, der mir die ganzen 19 Jahre zur Seite gestanden ist, vor allem auch dann, wenn es schwierig wurde und Krisen aufkamen – er war immer zur Stelle, von ihm konnte ich auf verschiedenste Art lernen, was Kollegialität bedeutet – etwas, das mich sehr dankbar macht.

Ich lasse los die vielen Freundinnen und Freunde der Gemeinde: Menschen aus der Ökumene, allen voran unsere anglikanischen Glaubensgeschwister, die mit ihren Gottesdiensten bei uns zu Gast sind und mit denen wir immer wieder neu versuchen, der seit 1931 bestehenden “full communion” Ausdruck zu verleihen; weiter die Freundinnen und Freunde der evangelischen Leonhardsgemeinde Stuttgart, deren Kirche nur wenige Meter von unserer entfernt ist – mit ihnen zusammen feiern wir ganz selbstverständlich und weit über ein Vierteljahrhundert hinweg alljährlich die Osternacht und seit einigen Jahren auch Feste, die auf einen Wochentag fallen, wie Epiphanie, Christi Himmelfahrt und sogar Fronleichnam.

Und ich lasse Sie los, liebe Mitglieder der Gemeinde Stuttgart: Es war schön mit Euch, es war zum Teil sehr vertrauensvoll, sehr freundschaftlich, sehr intensiv – danke dafür, dass Ihr mich angenommen habt so wie ich bin, da musstet Ihr sicher auch einiges ertragen. Danke, dass Ihr offen mit mir umgegangen seid. Danke für alle Unterstützung und Wertschätzung – so etwas trägt und trägt mit zur Freude bei, die ich stets an meinem Beruf gehabt habe und die ich Gott sei Dank auch weiterhin haben darf – mit der Aussicht auf einige Bistumstätigkeiten und der einen oder anderen Aushilfe in unserer neuen Gemeinde Konstanz und unserem neuen Dekanat Südbaden.

Es kommt jetzt für einige Monate eine pfarrerlose Zeit auf Euch zu. Ihr wisst, ich sehe das als Chance, dass Euer Engagement noch selbstbewusster und noch intensiver wird – ein gutes Potential für die dann anbrechende neue Zeit mit einem neuen Pfarrer und – besonders wichtig – neuem, frischem Wind, der durch die Gemeinde weht. Deshalb gestaltet diese Zeit mit Liebe, gestaltet die Wahl des neuen Pfarrers mit Liebe und mit großem Ernst, nehmt Euer Wahlrecht, das Euch vom 16. Lebensjahr an für die Wahl des neuen Pfarrers gegeben ist, in Anspruch, denkt daran, dass dies in der Ökumene ein großes Privileg ist – eine Gemeinde wählt ihre neue Pfarrerin oder ihren neuen Pfarrer, eine Gemeinde, nicht ein Wahlgremium, nicht der Kirchenvorstand, sondern alle ab dem 16. Lebensjahr. Mit dem, was Ihr da aufbringt, vielleicht auch an Opfern, startet Ihr in ein neues Kapitel des Stuttgarter Gemeindelebens, für das ich Euch Gottes reichen Segen wünsche.

Ihr/Euer scheidender Pfarrer Joachim Pfützner

Veröffentlicht in Allgemein, Startseite am 30. Juli 2019| Kommentare deaktiviert | Autor: Joachim Pfützner